Von der schwulen Sau und der Kampflesbe

Originalbeitrag vom 22.11.2014 – siehe auch Ergänzung und Folgeeinträge am Ende des Blogbeitrags!

Grundsätzlich beschäftigt sich dieser Blog mit eher psychologischen Inhalten. Als Beauftragter für Diversity des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen sehe ich allerdings auch eine gewisse Verantwortlichkeit für gewisse gesellschaftspolitische Inhalte.

Parteipolitische Verwendung von diskriminierenden Begriffen

So kam mir im Verlauf der vergangenen Woche auf Facebook ein Sujet unter. Darauf wirbt die NEOS (Das Neue Österreich) für die Bildung einer LGBTQI-Gruppe. Zwar kann man die Bildung eigener parteipolitischer Gruppen, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen, grundsätzlich nur begrüßen. Allerdings wird mit folgenden Worten geworben:

„Wenn du eine schwule Sau, Kampflesbe, Transenwesen oder sonst etwas bist, bist du hier richtig.“

Diese Werbung stößt mir aus mehreren Gründen sauer auf. Zum einen werden Wörter verwendet, die vor allem im Jugendalter als Schimpfwörter dienen. Es wird damit die Verwendung von Schimpfwörtern legitimiert. Wenn schon Schwule und Lesben sich selbst als schwule Sau und Kampflesbe bezeichnen, warum sollten dann das nicht auch andere “dürfen”. Zum anderen wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass gleichgeschlechtlich l(i)ebende Menschen nun mal schwule Säue und Kampflesben sind. Transwesen sind offenbar weder Männer noch Frauen, sie sind „Wesen“. Etwas anderes („wenn du sonst etwas bist“) gibt es offenbar nicht.

Schmerzhafte Erinnerungen für viele Menschen

In meiner Coming-Out Beratung für Männer und Frauen erlebe ich oft, dass KlientInnen Situationen schildern, dass sie als “schwule Sau” oder als „Kampflesbe“ beschimpft wurden. Was ist eine Kampflesbe? Ist eine Lesbe automatisch eine Kämpferin, wenn sie sich gegen männerdominierte Diskriminierung zur Wehr setzt? Sind es die stereotypischen Lesben mit kurzgeschorenen Haaren und Holzfällerhemden? Was ist mit Frauen, die nicht in dieses Bild passen, sollen sich diese ebenfalls von einem derartigen Sujet angesprochen fühlen? In diese Kategorie von Schimpfwörtern passen weitere Begriffe wie „Warmer“, „Schwuchtel“ oder viele andere. Diese Ausdrücke  sind mit einem extremen Ausmaß an Hass behaftet und sollen andere verletzen und herabwürdigen. Eine Erinnerung an derartige Situationen ist meist mit Gefühlen von intensiver Verletzung und Demütigung verbunden, man erlebt sich als Mensch zweiter Klasse. Und niemand möchte sich freiwillig als Mensch zweiter Klasse fühlen.

Fazit

Das nächste Mal, wenn jemand zwei Männer Hand in Hand gehen sieht, kann man diese dann als „Schwule Sau“ bezeichnen – immerhin machen es die Neos ja auch offiziell? Es ist mir bewusst, dass mit diesem Sujet “augenzwinkernd” geworben werden wollte, nur wurde hier eindeutig eine Grenze überschritten. Aus psychologischer Sicht kann ich eine Verwendung derartiger Wörter und damit auch eine einhergehende offizielle Legitimierung nicht nachvollziehen. Was ist mit Jugendlichen, die sich in einem schmerzhaften Prozess des Coming-Out befinden? Ist es zielführend, dass Parteien mit „Schwule Sau“ und „Transwesen“ werben, wenn man sich eventuell selbst gerade mit der eigenen sexuellen Identität beschäftigt? Damit wird vor allem auch die jahrelange Arbeit von Vereinen wie den HOSIs (Homosexuellen Initiativen) zunichte gemacht, die eben gegen die Verwendung dieser Bezeichnungen auftreten und auch diesbezüglich sensibilisieren.

Die Verwendung von Begriffen wie „Schwule Sau“, „Kampflesbe“ oder „Transwesen“ ist  – ob augenzwinkernd gemeint oder nicht – verbale Gewalt. Es ist eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, und damit nicht in Ordnung – auch nicht, wenn es von Schwulen und Lesben selbst verwendet wird. Ich finde ich dieses Sujet eine eindeutige Grenzüberschreitung und definitiv nicht zielführend für Anliegen der LGBTQI-Gruppen. Ein derartiges Thema verdient mehr Sensibilität, vor allem von Seiten offiziell im Parlament vertretener Parteien wie den NEOS.

Nachtrag vom 23.11.2014

Mittlerweile hat sich eine rege Diskussion über Twitter und Facebook ergeben, sowohl mit anderen „Betroffenen“ als auch den Neos selbst. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass bewusst provoziert werden wollte, um mehr Menschen zum Besuch dieser Veranstaltung zu bewegen. Es wurde auch erwähnt, dass geplant ist, diese Provokation bei der Veranstaltung selbst „aufzulösen“, was positiv zu werten ist (allerdings schade für diejenigen, die die Veranstaltung nicht besuchen). An dieser Stelle soll auch grundsätzlich festgehalten werden, dass jede Organisation, die neu gebildet wird, und der Durchsetzung von Minderheitenrechten dient, zu begrüßen ist. Mein persönliches Anliegen ist es jedoch, dass bei der Wahl der Mittel höchst sensibel vorgegangen werden sollte. Es gibt so viele Menschen in Österreich, die mit verletzenden Begriffe und Schimpfwörtern aufwachsen mussten, eine Auflösung derartig polarisierender und diskriminierender Begriffe ist nur wünschenswert. Mit dem Blog ging es mir nicht darum, die neue LGBTQI-Gruppe der Neos anzugreifen. Ganz im Gegenteil – ich wünsche alles Gute, um vorhandene starre und verkrustete Strukturen aufzubrechen. Je mehr Menschen sich für diese Anliegen einsetzen, desto mehr Chancen auf eine wahre Gleichberechtigung in Österreich gibt es! Parteipolitisch motivierte Provokation (egal von welcher Partei) ist jedoch fehl am Platz, es sollte behutsam und äußerst sensibel mit dieser Thematik umgegangen werden.

Über den Autor: Mag. Dr. Mario Lehenbauer-Baum ist Klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe, zertifizierter Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologe, Autor und Herausgeber zahlreicher Artikel und Buchkapitel, Motivationscoach und professioneller Sprecher auf Konferenzen, sowie in der universitären Forschung (Sigmund Freud Universität in Wien sowie Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, USA) tätig. Weiters ist er auch erster Beauftragter für Diversity für den Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen. Seine Forschungsschwerpunkte fokussieren auf die Schnittstelle Psychologie und neue Medien (Online-Rollenspiele, Internetsucht, Internetgebrauch in der Praxis), virtuelle Realitäten sowie Games for Health (digitale Spiele und psychologische Interventionen). In seiner Onlineberatungspraxis fokussiert er vor allem auf positive Psychologie, um Menschen zu einem glücklicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen, sowie auf wissenschaftlich fundierte kognitiv-lerntheoretisch/verhaltenstherapeutische Methoden.